Was sollte man wissen? Welche Chancen tun sich auf?
Es gibt wohl kein Thema, das in den letzten Jahren sowohl Ärzte wie Patienten, medizinische Laien wie Wissenschaftler, Fachliteratur wie Boulevardpresse beschäftigt hat wie die Abnehmspritze, die Möglichkeit, die überflüssigen Pfunde durch eine Spritze wieder loszuwerden.
Ein Blick zurück: Alles fing damit an, dass in den menschlichen Organismus im Laufe seiner Evolution zwar einige Mechanismen bzw. Systeme eingebaut wurden, die ihm in akuten Hungersnöten oder wiederkehrenden Nahrungsmittelengpässen das Überleben sichern können, aber kein einziges, das bei Nahrungsmittelüberfluss die Kalorienaufnahme bremst. So werden in heutigen Zeiten des Nahrungsmittelüberangebots logischerweise die Menschen immer dicker.
Obwohl es immer noch Millionen Menschen gibt, die akut hungern, sagt die WHO, dass erstmals in der Geschichte der Menschheit mehr Übergewichtige als Untergewichtige auf diesem Planeten leben.
Adipositas (BMI>30) wurde zur Krankheit erhoben, verständlich, weil ja mit dem Übergewicht auch handfeste Gesundheitsrisiken verbunden sind. So verschwinden konkrete Krankheiten wie Diabetes 2, wenn das Gewicht deutlich reduziert wird. Und die Pharmaindustrie hatte einen neuen Forschungsschwerpunkt. Es hat aber bis 2018 gedauert, dass in den USA das Diabetes-Mittel Wegovy von dem dänischen Pharmaunternehmen Novo Nordisk zugelassen wurde. Das Mittel gab es schon länger, dass aber ein Abnehmen von bis zu 21% des Ausgangsgewichtes möglich ist, war neu, auch bei Gesunden. Innerhalb kürzester Zeit wurde Novo Nordisk zur teuersten Firma Dänemarks, genauso wertvoll wie die größten 50 Unternehmen Dänemarks zusammen. Da der Wirkstoff aber keine neue Erfindung war, sondern schon seit Jahren zur Behandlung des Diabetes 2 eingesetzt wurde, gab es keinen Patentschutz. Andere zogen nach und inzwischen gibt es eine Reihe weiterer GLP-1-Rezeptoragonisten auf dem Markt, seit neuesten auch in Tablettenform.
GLP heißt „Glukagon-like-Peptide“. Die genannten Stoffe ahmen das körpereigene Hormon GLP-1 nach, setzen sich auf die Rezeptoren im Darm, wirken aber deutlich länger als das Original, stimulieren die Insulinfreisetzung, hemmen die Glukagon Sekretion und damit das Hungergefühl, verlangsamen die Magenentleerung und fördern das Sättigungsgefühl. Für die Diabetes2- Behandlung sinnvoll und damit auch von den Kassen zugelassen.
Wenn es aber auch bei anderen Krankheiten hilft, kann es anderen Patienten nicht vorenthalten werden. So gestand man den Menschen mit Adipositas (BMI >30) oder Menschen mit BMI >27, die schon eine Folgekrankheit aus dem Übergewicht entwickelt haben, eine Verschreibung und damit die Übernahme der Kosten zu.
Diese Einschränkung wird sich auf Dauer nicht halten lassen. Gerichte werden die Kassen fragen, ob die Festsetzung auf den BMI>30 nicht willkürlich ist und Patienten mit BMI=29 ähnlich gesundheitsgefährdet sind. Der Kampf um die Kostenerstattung wird sicher fortgesetzt.
Man kann diese Mittel auch mit einem Privatrezept als Selbstzahler bekommen. Voraussetzung ist ein Bekenntnis zur Lebensstiländerung= kalorienreduzierte Diät und mehr Bewegung.
Die Behandlung kostet z.Zt. mind. € 173,- pro Monat. Novo Nordisk, der Hersteller von Ozempic, hat aber schon angekündigt, dass sie ab nächstem Jahr das Präparat in den USA nur noch für die Hälfte des Preises anbieten wollen. Die Präparate werden also billiger.
Die Ärzte verhalten sich im Moment noch defensiv. Aber schon haben die ersten Spezialisten, die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie erklärt, dass sie die „Abnehmspritze“ für eine wichtige Ergänzung in der Behandlung der Adipositas halten. Die GLP-1-Rezeptoragonisten schließen, wie in einer Presseerklärung zu lesen ist, eine Lücke zwischen Lebensstiländerung und Operation.
Sind denn nun diese Präparate völlig ungefährlich? Welche Nebenwirkungen sind bekannt? Für Manche mag es ausreichen, dass neben einigen Promis auch Elon Musk die Abnehmspritze gebraucht. Doch man muss bedenken, dass man in ein komplexes Geschehen der Appetitregulierung eingreift. Schwere Nebenwirkungen sind selten. Am Anfang kann es zu Übelkeit, Verstopfung oder Durchfall kommen. Das reguliert sich aber bald. Das größte Problem scheint zu sein, dass es keine Exit- Strategie gibt. Setzt man das Präparat ab, wirken wieder die Original- Hormone und das Gewicht strebt wieder der alten Größe zu. So drücken es zumindest die ersten Beobachtungsstudien aus.
Wer aber die Chance nutzt und in der Zeit des reduzierten Gewichts mit einer eiweißreichen Kost einen gezielten Muskelaufbau betreibt, der hat wohl eine Chance, auf Dauer ein reduziertes Gewicht zu halten.
Ich muss ehrlich sagen, dass ich am Anfang der Recherche zu diesem Artikel sehr skeptisch war, ob wir diesen Fortschritt brauchen. Inzwischen sehe ich wirklich eine Möglichkeit für Diejenigen unter uns, die schon diverse erfolglose Versuche unternommen haben, die überflüssigen Pfunde loszuwerden und inzwischen die ersten Folgen der Adipositas wie Bluthochdruck, Diabetes 2, Fettstoffwechselstörungen und zunehmende orthopädische Probleme erleben. Wenn der Wille da ist, können die neuen Substanzen einen Weg ebnen.
Zu guter Letzt
Die Kolumne von Wulf Rohwedder,
Journalist und Mitglied bei uns

Für viele ist es der neueste Trend, dabei ist es eines der Ältesten Wunschträume der Menschheit: der Wunsch nach einem langen oder gar ewigen Leben – nun jetzt eben Longevity genannt.
Was früher der Jagd nach dem Jungbrunnen oder nach dem der Unsterblichkeit war, ist heute die Domäne von mehr oder weniger seriösen Experten, Coaches, Influencern und Gurus. Sie alle haben vermeintlich die ideale Methode entdeckt, mit der man sein Leben zuverlässig verlängern kann.
Zudem gibt es fast jede Woche in den Medien aufgeregte Meldung, laut denen Wissenschaftler wieder eine neue Methode zur Lebensverlängerung entdeckt haben, sei es mehr Rotwein, weniger Rotwein, CD4-zytotoxische T-Lymphozyten, Semaglutid oder Lesen und Treppensteigen – letztere aber möglichst nicht gleichzeitig, da dies eher einen umgekehrten Effekt auf die Lebenserwartung haben dürfte.
Während sich der durchgeknallte Milliardär seine sich vermeintlich dem Verfallsdatum nähernden Körpersäfte durch solche ersetzen lassen, die er sich zu diesem Zweck von seinem eigenen Nachwuchs abzapfen ließ, gibt es für den Normalverbraucher meist weniger exotische, aber in ihrer Vielfalt extrem unübersichtliche Angebote an Nahrungsergänzungsmittel, Pharmazeutika, Bewegungsschulen und anderen Maßnahmen. Inzwischen kommen auch durch KI unterstütze Methode auf den Markt, denn ohne künstliche Intelligenz läuft heute bekanntlich nichts mehr.
Würde man allen Longevity-Trends folgen und die dadurch angeblich hinzugewonnene Lebenszeit addieren, so müsste man theoretisch mit jedem Tag jünger werden und irgendwann wieder als Säugling enden. Allerdings würden einem dann kaum noch Zeit, Geld und Energie übrigbleiben, um die so hinzugewonnenen Jahre wirklich auch genießen zu können.
In der Szene tummeln sich jedoch zahlreiche Scharlatane und halbseidene Figuren. Daher ist es ist schwer, sinnvolle Ratschläge von unsinnigen oder gar sogar gefährlichen zu unterscheiden.
Dabei ist es ganz einfach: Prof. Dr. Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und wissenschaftlicher Leiter des Longevity Forums Deutschland, hat zusammengefasst, was wirklich sinnvoll ist. Die wichtigsten Maßnahmen seien bekannt und erstaunlich unspektakulär, verriet er der tagesschau: „nicht rauchen, regelmäßig bewegen, Übergewicht vermeiden, ausgewogen essen, ausreichend schlafen und Risikofaktoren wie Blutdruck und Blutzucker adäquat kontrollieren.“ Neue Methoden seien mit Vorsicht zu betrachten, insbesondere, wenn ihre Wirkung nicht durch wissenschaftliche Studien belegt ist, so Kluge. Im Zweifelsfall frage man seinen Hausarzt. Das spart viel Geld, Zeit und Enttäuschungen.







